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Wer finanziert noch klimaschädliche Infrastruktur?

Neue klimaschädliche Infrastruktur wird noch immer in Entwicklungsländern gebaut. Jeffrey Ball war den Geldgebern auf der Spur.

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Das Jahr 2050 scheint in weiter Ferne zu warten. Bis dahin können noch viele Solarplantagen und Windräder gebaut werden, um dreckige Energiequellen in den Ruhezustand zu schicken, könnte man meinen. Doch klimaschädliche Kraftwerke oder Ölplattformen, die jetzt erst gebaut werden, werden für Investoren erst um 2050 melkbar. Vor allem Entwicklungsländer versuchen ihren steigenden Energiebedarf heute mit neuer Infrastruktur zu stillen. 75 % der globalen Infrastruktur, die uns in 2050 versorgen wird, muss noch errichtet werden. Ob das 1.5 Grad Ziel des Pariser Klimaabkommen ein Traum bleibt oder nicht, bestimmen also immer mehr die Infrastruktur-Entscheidungen der Entwicklungsländer — und die ihrer Finanzierer. Denn Infrastrukturprojekte erfordern derart  große finanzielle Vorschüsse, dass sie meist nur mit der Unterstützung von vielen Investoren gestemmt werden können. 

Reflektieren die Investitionsentscheidungen schon jetzt das Umdenken, dass die Länder der Welt uns nach Paris versprochen haben? Ja und Nein. Eine Studie von Jeffrey Ball, Researcher an der Stanford University in Kalifornien, fand heraus, dass 40 % der Gelder, die zwischen 2018 und 2020 in Infrastrukturprojekte in den Entwicklungsländern investiert wurden, nicht kompatibel mit dem 1.5 Grad Ziel (einer Chance von 33% dass die Erderwärmung nicht über 1.5 Grad steigt) waren. Genauer gesagt 52 % wenn man die vorausgesagte neue jährliche Erzeugung ausgeführt (TWh) betrachtet oder 42 % der neuen ausgeführten Kraftwerksleistung (GW). 

„1. Wir stellen fest, dass etwa die Hälfte der in diesen Jahren durchgeführten Stromerzeugung zu kohlenstoffintensiv ist, um die Durchschnittstemperatur der Erde nicht über 1,5 °C über dem vorindustriellen Niveau ansteigen zu lassen, was vor allem auf das Vorhandensein neuer erdgasbefeuerter Kraftwerke zurückzuführen ist.“

Ball et al. (2021)

Wer sind die Finanzierer?

Wer finanziert heute noch Infrastruktur, die mit dem 1.5 Grad Ziel inkompatibel ist? Stecken Finanzinstitute aus den Industrienationen dahinter? Diese Frage stellte sich auch Jeffrey Ball, und folgte dem Rat aus dem Film All the President‘s Men: „Follow the Money“. Mithilfe von zwei Datenbanken der World Bank über die Jahre 2018 bis 2020, die er um andere öffentliche und private Datensätze ergänzte, untersuchte Ball, woher die Gelder stammen, die den Bau von Kraftwerken ermöglichten, die inkompatibel mit dem 1.5 Grad Ziel sind. Das Ergebnis überraschte ihn. 

Inländische vs. ausländische Gelder

Finanzierer in den Entwicklungsländer steuerten fast genauso viel Geld (44 %) zu den Projekten innerhalb ihres Landes bei wie Finanzinstitute aus anderen Ländern. Ein Großteil dieser Gelder stammte von staatlichen Versorgungsunternehmen der Entwicklungsländer— nicht von Banken. Sie schienen in allen Ländern CO2-intensivere Projekte zu bevorzugen. Hauptverantwortliche für diesen Prozentsatz sind China und Indien. Staatliche Finanzinstitute leisteten den zweitgrößten Beitrag, gefolgt von nationalen Geschäftsbanken. Das gesteht Entwicklungsländern eine größere Handlungsmacht zu als erwartet. Trotzdem ist für die Zukunft entscheidend, dass Auslandsinvestitionen von Industrie-und Schwellenländern dekarbonisiert werden. 

„2. Wir finden auch neue Belege dafür, dass die Einflussmöglichkeiten der Empfängerländer bei der Gestaltung des Emissionsverlaufs größer sind als erwartet: Ein Großteil der für den Klimaschutz bestimmten Finanzmittel stammt nicht aus dem Ausland, sondern aus dem Inland.“

Ball et al. (2021)

Ausländische Investitionen dekarbonisieren

Hier gibt es große Unterschiede zwischen den Ländern. Japan, China und Südkorea finanzierten speziell weitaus stärker in klimaschädliche Infrastrukturen als in klimafreundliche Projekte. Und auch nicht alle Finanzinstitutionen schwingen mit der gleichen Macht. Ball et al. identifizieren Schlüssel-Institutionen („keystone financiers“ oder „anchor investors“), die einen viel größeren Einfluss auf die Projektauswahl haben als die Geldsummen vermuten lassen. Beispiele hierfür sind unter anderem die Japan Bank for International Cooperation, die Asian Development Bank und die Export-Import Bank of Korea. Um das zu verstehen, müssen wir verstehen wie Finanzierer ihre Investitionsentscheidungen treffen.

Auf die Hebel-Investoren fokussieren

Ob ein Projekt die erforderte Investitionssumme einsammeln kann, um gebaut zu werden, hängt oft von Schlüssel-Institutionen ab: Investiert ein solcher Finanzierer in ein bestimmtes Projekt, sendet das anderen Investoren ein Signal, dass auch sie (kleinere) Geldsummen investieren sollten. Hält der Schlüsselinvestor sich zurück, so werden viele kleinere Investoren ebenfalls nicht investieren, fand Ball. Finanzinstitutionen sind darauf bedacht, ihre Risiken untereinander zu verteilen. So investieren sie meistens in einem Konsortium in ein Projekt, also as eine Art Gemeinschaftsprojekt — und dies nicht nur bei sehr teuren Projekten. 

„3. Und wir stellen fest, dass verschiedene Institutionen Infrastrukturportfolios mit sehr unterschiedlichen Kohlenstoffintensitäten finanzieren.“ 

Ball et al. (2021)

Balls Studie zeigt uns zwar, dass noch viele Gelder in die falsche Richtung fließen. Doch seine empirische Analyse der Akteure schenkt uns praxisnahe Ansatzpunkte: Um Gelder in den Bau von klimafreundlicher Infrastruktur umzuleiten ist es also entscheidend, dass auch wir in Konsortien denken und speziellen Druck auf die ausländischen Finanzierer mit Hebelwirkung ausüben, damit sie künftig klimafreundliche Infrastrukturprojekte in Entwicklungsländern für andere Investoren attraktiver machen.

Lesen Sie die ganze Studie hier.

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