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Warum sind Bankkredite Geld?

Warum schaffen Banken neues Geld, wenn sie einen Kredit vergeben? Und warum dürfen gerade sie Geld schöpfen - und wir nicht?

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Credits: stevepb

Privates Kredit-Geld der Banken hatte Wert, weil es benutzt werden konnte, um Schulden mit den Banken zu begleichen (Minsky). Die Bankkredite wurden zu Geld, als der Staat beschloss, sie zum Begleichen von Steuern anzunehmen und sie damit auf die Stufe eines allgemein willkommenen Zahlungsmittel zu erheben. Wieder ist es die Annahme durch den Staat, die die Banknoten zu einer Geldform verwandelten. 

„Gutschriften und Wechsel, die von den Banken ausgestellt werden und auf das Zahlungsmittel des Staates lauten, werden daher zu „Geld“…, wenn sie zur Begleichung von Steuerschulden gegenüber dem Staat akzeptiert und zur Bezahlung der Gläubiger des Staates wieder ausgehändigt werden.“

Ingham (2004: 48)

Ähnlich funktionierte die Verbreitung von zerbrochenen Stöcken („tally sticks“) im Mittelalter in England, die der Staat seinen Gläubigern als Anerkennung seiner Verschuldung gab und später auch zur Begleichung von Steuern wieder zurücknahm (Innes 1913). Münzen waren damals zwar „zweifellos wohlbekannt, aber wenig genutzt.“ 

Mittelalterliche „Tally Sticks“ aus England. © Winchester City Council Museums

Knapp und Keynes verstanden, warum vermeintlich wertlose Objekte, wie die Baumwolle, aus der unsere Euroscheine gemacht werden, zu Geld werden können: „Von Mesopotamien und Ägypten bis zu den modernen Volkswirtschaften haben Herrscher, Statthalter und Nationalstaaten immer ‚das Wörterbuch geschrieben‘.“ Die Autorität wählt „das Zahlungsmittel aus und erklärt, welches ‚Ding‘ als Geld gilt.“ (Tcherneva 2006: 72)

„Jeder, der Verpflichtungen gegenüber dem Staat hat, wird bereit sein, Papierstückchen zu akzeptieren, mit denen er die Verpflichtungen begleichen kann – ebenso wie alle anderen Menschen bereit sein werden, diese Papierstückchen zu akzeptieren, weil sie wissen, dass alle Steuerpflichtigen sie wiederum akzeptieren werden.“

Lerner (1947: 313)

Die Entstehungsgeschichte zeigt, dass es nicht wichtig ist, aus welchem „Ding“ (Keynes) das Zahlungsmittel beschaffen ist, solange einige Grundfunktionen einbaubar sind, wie begrenzte Vermehrung oder Fälschungssicherheiten (Desan 2014). 

Privates Geld nicht ausgeschlossen

Diese Autorität kann jedoch auch von privaten Organisationen, Städten, Geschäftspartnern, und anderen Gruppen ausgeübt werden (Desan 2014). Private Münzen, die im Laufe der Jahrtausende von allen Seiten angeboten wurden, waren wie private Schuldscheine, ein Zeichen von „privater Verschuldung“ (Wray 2000). Indem sich Menschen durch ihre gemeinsame Arbeit zunehmend organisieren, gestalteten sie auf ihrer Ebene eine eigene Politik und eine Gruppe, die Entscheidungen trifft.

Ein berühmtes Beispiel sind die Gas-Guthaben von Gazprom, mit denen nach dem Fall der Berliner Mauer die Industriebetriebe in Russland handelten. Das staatliche Geld war wertlos und so stiegen die Firmen auf Schuldscheine um. Die Unternehmen in Russland hatten alle hohe Gasrechnungen zu begleichen. Der, der am Tag der Abrechnung den Schuldschein hatte, konnte damit seine Schulden bei Gazprom begleichen. 

Das Lakhta Center, ein 87-stöckiger Wolkenkratzer in Sankt Petersburg, Russland und Hauptsitz von Gazprom. © Ad Meskens

Deshalb ist der Begriff „Staatliche Theorie des Geldes“ für Uneingeweihte irreführend und auch Knapp bevorzugte das von ihm geprägte Wort „Chartalismus“. Wullweber schlägt deshalb außerdem vor, den Begriff der „Autorität“ von Ingham (2004: 76) um den Hegemoniebegriff bei Laclau (2005) zu erweitern, um einerseits deutlich zu machen, dass Geld auch unabhängig vom Staat funktionieren kann, und andererseits die wichtige Rolle des Staats in unserem heutigen Geldsystem hervorzuheben.

Die Geschichte des Geldes ist eine Geschichte von Machtkämpfen

Die Geschichte des Geldes ist eine Geschichte von Machtkämpfen. Von Anfang an war die Geldschöpfung politisch geladen. Geld hat immer zwei Facetten (cf. Hart 1986). Es bietet uns eine Infrastruktur, die es uns erlaubt, unsere materielle Welt effizient zu ordnen und zu verteilen, die Arbeitsteilung und Beteiligung ermöglicht. Gleichzeitig ist Geld „despotisch“ (Mann 1986). Es ist ein Medium, das von Partikularinteressen beschlagnahmt wird. Geld verteilt Macht. Hier geht es nicht nur darum, wer wie viel Geld besitzt, sondern vor allem darum, wer Geld schöpft und an wen es wofür vergeben wird. Schon Weber hat Geld deshalb als eine Waffe im Kampf um unser ökonomisches Bestehen betrachtet. 

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