Wann funktionieren Geldanreize?

Funktionieren Geldanreize nur, wenn sie auf entsprechende moralische Verpflichtungen aufbauen können? Beispiele aus Israel, Irland und auch bei uns zu Hause deuten darauf hin.

3 min zum lesen

Die Betreuer in den Kindertagesstätten in Haifa, Israel, kümmerten sich gerne um die Kinder. Und trotzdem endeten ihre Arbeitstage oft mit Ärger. Viele Eltern holten ihre Kinder nicht zur vereinbarten Stunde ab. Viele Eltern kamen regelmäßig zu spät. Dagegen wollten die Leiter der Kindertagesstätten etwas tun und führten eine Geldstrafe ein, die die Eltern bei Spätabholungen zu entrichten hatten. Das änderte die Zahl der Zuspätkommer — jedoch nicht in die gewollte Richtung. Die Anzahl der Eltern, die ihre Kinder nach Ende der offiziellen Betreuungszeit abholten, schoss in die Höhe. Warum?

Verdrängt Geld die Moral?

Vielleicht war die Gebühr zu niedrig. Doch die Verhaltensökonomen, die den Fall studierten, bieten eine andere Erklärung: Für die Eltern bekam das späte Abholen ihrer Kinder mit der Einführung der Geldstrafe einen Preis. Zwar nutzten einige Eltern dieses Angebot bereits vor Einführung der Geldstrafe, doch es schien als ob die meisten Eltern von ihrem Gewissen dazu getrieben wurden, pünktlich zu sein. Sie verspürten eine moralische Verpflichtung den Betreuern gegenüber und gegenüber den Regeln des Kindergartens. Doch mit der neuen Gebührenordnung konnten sie die Kindertagesstätte dafür bezahlen, dass diese länger auf ihre Schützlinge aufpassten. Sie brauchten sich nicht länger mit einem schlechten Gewissen zu plagen, wenn sie im Stau auf dem Weg dorthin standen oder ihre Arbeit sie noch ein wenig aufhielt. Schließlich entschädigten sie die Betreuer mit Geld. 

Auch als die Geldstrafe wieder abgeschafft wurde, ging die Zahl der Spätabholer nicht mehr auf das ursprüngliche Niveau herunter, das in der Kontrollgruppe (für die Verhaltensökonomen gesorgt hatten), konstant geblieben war. Die Eltern betrachteten das pünktliche Abholen nun nicht mehr im gleichen Maße als eine moralische Verpflichtung, sondern als eine Transaktion. Geld hatte ihr Gewissen reingewaschen. 

Geldanreize erfolgreich trotz oder wegen Moral?

Geldanreize oder Geldstrafen haben in vielen Fällen jedoch die Menschen erfolgreich zu einem veränderten Verhalten gelenkt. Ein berühmtes Beispiel ist die Gebühr für Plastiktüten im Supermarkt. In Irland wurde eine Gebühr von 15 Cent 2002 eingeführt, der zugeschrieben wird, den Anteil an Plastiktüten an der irischen Müllverschmutzung von 5 % in 2001 auf 0,13 % in 2015 zu reduzieren. Bevor die Gebühr eingeführt wurde, hatte die Regierung ihre Bevölkerung in einer EUR 358,000 teuren Kampagne über die Wirkung von Plastik auf die Landschaft Irlands aufgeklärt, um die Befürchtung der Einzelhändler zu besänftigen, dass sie für den Preis der Taschen verantwortlich gemacht werden könnten. Die Gebühr trat außerdem zum Ende des Winters in Kraft, eine Zeit, in der weggeworfene Plastiktüten besonders gut sichtbar sind, um die Verschmutzung noch deutlicher zu machen. Konkret bedeutete die Gebühr, dass jeder Ire an der Kasse gefragt wurde, ob er eine Tüte brauche — vor den Ohren der anderen Wartenden, die auch von den negativen Auswirkungen von Plastiktüten auf die Landschaft in Irland wussten. Dies zu bejahen, kam einem öffentlichen Bekenntnis gleich, sich nicht für die Sauberhaltung des Landes zu interessieren. War es also die neue Form des gesellschaftlichen Drucks oder die 15 Cent (22 Cent seit 2007) oder eine Kombination von beidem, die es schafften, dass die Iren von nun an ihre eigenen Tüten in den Supermarkt mitnehmen? Eine Umfrage von Frank Convery et al. (2007) fand: „Viele Verbraucher haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie vergessen haben, ihre eigene Plastiktüte mitzubringen und die Abgabe bezahlen müssen!“. 

Angst vor sozialer Ächtung motiviert

Den Hundehaufen seines Hundes nicht aufzuheben, wird mit Geldstrafen von bis zu €150 geahndet. Doch welcher Hundebesitzer musste diese Beträge je schon bezahlen? Wie viele Kontrolleure schon Hundebesitzer auf ein Vergehen hinweisen? Warum sieht man trotzdem die meisten Hundebesitzer sehr fleißig den Kot ihrer Hunde aufheben, selbst wenn der Staat die Strafe kaum vollziehen kann? Vielleicht sind es die verzogenen Gesichter der anderen Passanten, die hochgezogenen Brauen der anderen Hundebesitzer, die Millionen Hundebesitzer jeden Tag wieder dazu motivieren, die Hinterlassenschaften ihrer Lieblinge zu beseitigen?

Moralische Verpflichtungen machen Geldanreize wirksam

Mit oder ohne Geldstrafe als Anreiz für ein ordnungsgemäßes Verhalten, die moralischen Verpflichtungen, die wir gegenüber unseren Mitbürgern neben uns spüren, scheinen die Höhe der Latte, an der wir uns orientieren, zu bestimmen. Geldanreize können auf diese Moral aufbauen, sie verstärken, aber auch verdrängen. Funktionierende Geldanreize richten sich also an echte Menschen in einem sozialen Gefüge, die mal egoistisch, mal altruistisch handeln — sie richten sich dagegen nicht an die Spezies Homo Oeconomicus, die weniger auf ihre soziale Stellung bedacht ist, als darauf, ihre Kosten zu minimieren.

Neueste Artikel

Der Mythos vom Tauschhandel

Bevor es Geld gab, tauschten die Menschen auf dem Markt Gegenstände, erklären die Lehrbücher über Geldwirtschaft.…

Wer erfand das Geld?

Historische Funde zeigen, dass nicht der Markt, sondern der Staat unser Geld erfunden hat. Eine Reise…

Der Ersatz-“Nobelpreis“

Kann die Geschichte hinter dem Wirtschaftsnobelpreis die Herrschaft einer bestimmten Denkschule in den Wirtschaftswissenschaften erklären? Eine…