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Qualitalismus statt Kapitalismus?

Wie heißt die neue Alternative zu Kapitalismus? Eine Ideensammlung und Einladung zur Diskussion.

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Statt Profit und Geld im Zentrum unseres Wirtschaftslebens zu sehen, bestehen immer mehr Theorien darauf, dass das Ziel sein sollte, die Lebensqualität oder das Wohlergehen der Gesellschaft zu verbessern, und dass dies nicht automatisch mit noch mehr Profit und Geld erreicht wird.

Die zweckentfremdete Wirtschaft

Vielleicht finden Sie das offensichtlich. Wir auch. Denn die meisten spüren, dass das blinde Streben nach Profit nicht unser primäres Ziel sein kann, sobald sie für einen kurzen Moment verharren und nachdenken. Profit wozu? Wenn man diese Fragekette weitergeht, dann stößt man letztendlich auf das gute Leben, Glück, Zufriedenheit oder wie man es nennen mag. 

Die Wirtschaft als Diener

Wenn wir so fragen, sind wir nicht mehr an der Maximierung der Quantität des Kapitals, der Güter oder des Konsums interessiert, sondern an der Maximierung der Lebensqualität und des Wohlbefindens. Die Wirtschaft wird dann nur noch als ein Diener der Gesellschaft gesehen, der versucht, uns zu helfen, diese Ziele zu erreichen. Und das Finanzwesen? Es wird bei dieser Zielsetzung wieder zum Diener der Wirtschaft.

Wie nennt man „das“?

Um zu verdeutlichen, dass unser Wirtschaften ein anderes Ziel verfolgt, brauchen wir einen anderen Namen. „Postkapitalismus“ reicht nicht aus. Es malt kein Bild, sondern türmt eine schwarze Wand auf, wo Kapitalismus endet. Wie soll man „das“ nennen? Wir denken, der neue Begriff sollte auch mit einem „-ismus“ enden, um sich in die Reihe von Kapitalismus, Kommunismus, Sozialismus und Postkapitalismus zu reihen. Und er sollte deutlich machen, dass der Kern dieser wirtschaftlichen Idee nicht mehr das Kapital (die Quantität) ist, sondern der Wert und die Qualität unseres Wohlergehens. Wir schlagen daher vor: Qualitalismus.

Warum? 

Lange haben wir uns nur auf Quantität fokussiert: möglichst „viel“ Geld, „viele“ Dinge aus Massenproduktion, „viele“ Reisen, möglichst „viele“ Betten, die eine Krankenschwester betreut – eine hohe Quantität bestimmt die meisten Ziele in unserer Gesellschaft.

Aber wir haben bei uns und vielen Bekannten ein Umdenken bemerkt, hin zu mehr Qualität. Wir streben nach Lebensqualität, qualitativ hochwertigen Produkten, weniger aber besonderen Reisen, qualitativ hochwertige gemeinsame Zeit mit Familie und Freunden, qualitativ hochwertige Bildung, gesunde Natur, gesunde Menschen und eine qualitative Gesundheitsversorgung.

Die Qualität geriet in Vergessenheit in unserem Bestreben, zu kürzen, zu kürzen, zu kürzen, um die Gewinne weiter steigern zu können und damit die Quantität von Kapital oder Gütern zu erhöhen. Gleichwohl wittern wir allmählich, dass Quantität nicht besonders nützlich ist.

Quantität bei Lebensmitteln macht uns dick: viele inspizieren bei ihrem Einkauf wieder die Qualität der Nahrung, um die Quantität ihrer Pfunde zu reduzieren. Quantität bei Gütern hat uns nicht glücklich gemacht. Die Social-Media-Weisheit „Sammle Momente, nicht Dinge“ ist auch zu den Wohlhabenden durchgesickert: sie geben mittlerweile den größten Anteil ihres Geldes für hochwertige Bildung, hochwertige Gesundheitsvorsorge und -nachsorge und besondere Erlebnisse aus. Und bei den Gütern selbst? Nun, viele versuchen bspw., die qualitative hochwertigen Küchengeräte ihrer Omas aus der DDR zu wiederzubeleben, um nicht auf die nur wenige Jahre überlebenden Mixer umsteigen zu müssen, die man heute kaufen muss.

Auch die Wall Street Anwälte, die nach der Anzahl Stunden bezahlt werden, haben uns gezeigt: Die Quantität der Arbeitsstunden bringt nicht unbedingt die besten Ergebnisse, wir bevorzugen qualitativ hochwertige Arbeit — ob diese länger oder kürzer braucht.

Aber auch außerhalb des Griffs der Wirtschaft macht Qualität einen Unterschied: Eine große Anzahl von Freunden auf Facebook ist nutzlos, wenn man in Not ist und keiner zu Hilfe kommt, also suchen wir wieder nach qualitativ hochwertigen Beziehungen. Oder denken Sie an eine Geige, sie wird nur an ihrer Qualität gemessen. Ein Geigenbauer baut wenige, aber dafür gut klingende Geigen. Dass die Geiger bei Ihrem nächsten Konzert nicht auf Amazon Geigen spielen, sollte Sie freuen. 

Was ändert der Begriff?

Qualitalismus beendet die schwierige Diskussion über das Wachstum in der Wirtschaft. Die Maximierung der Lebensqualität kann manchmal Wachstum und manchmal Wachstumsrückgang und manchmal einen stabilen Zustand erfordern. Mit dem neuen Ziel ist Wachstum kontextabhängig, ein Mittel zum Zweck, aber nicht mehr ein Ziel unserer Volkswirtschaft. Wir müssen Wachstum damit nicht mehr betütern. 

Qualitalismus weicht dem Streit aus zwischen den „Weniger ist mehr“ Verfechtern und den „Weniger ist nicht immer mehr“. Denn Qualität kann weniger oder mehr erfordern, je nach Situation. 

Das Wort „Qualität“ hat, zumindest bei uns, im Gegensatz zu „Wert“, „Zufriedenheit“ oder „Glück“ nur positive Konnotationen in unserem Unterbewusstsein und betont trotzdem den Blickwechsel. „Steady State Economics“ hat bei uns eine negative Wirkung, obwohl vielen ihrer Argumente uns begeistern. Der Begriff wirkt, als ob wir stehen bleiben. Auch „Postwachstum“ (Degrowth) wirkt auf uns negativ — als ob wir schrumpfen sollen, und das, obwohl wir wissen, dass weitaus mehr dahinter steht. Qualität erinnert uns einerseits an die Geschichte des sonnenden Fischers am Strand, der nichts mehr braucht, zufrieden ist, aber auch eine hochwertige ein Leben lang und noch länger haltende Luis Vuitton Tasche, für den, der so etwas mag. 

Qualitalismus bewegt sich weg von Kapitalismuskritik und Wachstumskritik. Das Wort versucht stattdessen, eine Alternative greifbar zu machen. 

Qualitalismus setzt ein Zeichen gegen die Leistungsgesellschaft, die viele junge Leute an den Rand der Depression getrieben hat. Der Begriff hebt stattdessen das qualitative Wohlbefinden und den Beitrag der Bürger hervor — ob im Marktsektor oder im Nicht-Marktsektor. Es begrüßt stattdessen unser menschliches Streben, Dinge besser zu machen — nicht mehr Quantität, sondern mit dem Fokus, ihre Qualität zu verbessern.

Was nun?

Qualitalismus geht natürlich im Moment gegen die Lebensaufgabe von börsennotierten Konzernen: möglichst viel Geld zu verdienen. Das war aber nicht immer so: Firmen laufen erst seit ca. 100 Jahren ausschließlich Profiten hinterher. Wir müssen unser Bewusstsein dahingehend auffrischen, dass allein das Gesetz die Atemmaschine der Persona Unternehmen ist. Und so kann auch das Gesetz den Unternehmen ein anderes Ziel als nur die Maximierung des Gewinns zuweisen. 

Damit das funktioniert, scheint es uns nötig, dass sich unser Buchhaltungssystem ändert und die Art und Weise, wie wir Geld betrachten. Geld quantifiziert alles automatisch: Geld versucht auch Qualität zu quantifizieren u. a. seit Neuestem durch die Internalisierung der Kosten von Externalitäten, wie beispielsweise des CO2s oder der Wälder. Bevor wir diesen Ansatz nicht ändern, wird Qualität höchstens zu einem Leitmaßstab auf Papier. 

Einladung zur Diskussion

Ist Qualitalismus als Alternative zu Kapitalismus erstrebenswert? Ist ein Begriff als Alternative überhaupt erstrebenswert? Oder ist es angemessener, Änderung für Änderung im Schatten der Gestalt des Kapitalismus umzusetzen? Ist Qualität ein besserer Maßstab als das Kapital in Kapitalismus? Zu welcher Alternative leitet uns Qualität? Ist es die, die wir herbeiwünschen?

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