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Geld vs Entropie

Warum ignoriert die Ökonomie den zweiten Satz der Thermodynamik? Verschleiert Geld die Realität, dass unser Wirtschaftsleben sich von niedriger Entropie ernährt?

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Credits: Christopher Burns

Der Ökonom Nicholas Georgescu-Roegen, Schützling von Joseph Schumpeter, hatte beobachtet, dass Wirtschaftswissenschaftler zwar aus dem ersten Satz der Thermodynamik gelernt haben, dass Energie oder Materie nicht produziert oder zerstört werden kann — aber das zweite Gesetz der Thermodynamik ignorieren. Nach Georgescu-Roegen ist der wirtschaftliche Prozess — und damit auch die Umweltverschmutzung — nur zu erfassen, wenn man auch das zweite Gesetz der Thermodynamik (berühmt geworden als Entropiegesetz) in den Raum der Analyse mit einlädt. Diese Erkenntnis hielt er in seinem Buch, The Entropy Law and the Economic Process (1971), fest.

Was sagt uns das Gesetz der Entropie? Um die Moleküle des Lebens in einer gewissen Ordnung festzuhalten, braucht es Energie. Die einzige Energiespenderin auf unseren Planeten ist die Sonne. Sie versorgt alle Dinge — Menschen, Bäume, Nashörner und auch unsere Maschinen — mit Energie.

Der Metabolismus von Organismen

Um die von der Sonne bereitgestellte Energie zu nutzen, haben alle Organismen einen Metabolismus entwickelt. Kein Organismus kann ohne das “Gefühl der Entropie” leben, erklärt Georgescu-Roegen. Wir empfinden Kälte und Wärme oder uns plagt der Hunger. Wir nehmen Energie höherer Ordnung (niedrige Entropie) aus der Umwelt auf und entladen Energie niedriger Ordnung (hoher Entropie) in unsere Umwelt.

Dabei geht keine Energie verloren, aber ihre Qualität ändert sich. Das ist der Prozess der Entropie — ein Prozess, der per Definition asymmetrisch ist. Wir saugen hochwertige Energie aus der Umwelt. Doch einmal verdaut, können wir nur noch das Abfallprodukt wieder an die Umwelt zurückgeben. Das stellt in der Natur kein Problem dar. Die Sonne füllt die Reserven langsam wieder auf.

“Da Energie weder erzeugt noch zerstört werden kann, wandeln Organismen und Maschinen geordnete oder „verfügbare“ Energieformen (wie Sonnenlicht) in weniger geordnete Formen (wie Wärme) um.”

Alf Hornborg

Die einzige Mitgift aller Menschen

Georgescu-Roegen erinnert daran, dass die Sonne die einzige Mitgift bereitstellt, die wir erhalten werden. Sie kann aufgeteilt werden in (1) die gespeicherte Sonnenenergie, also den “Vorrat (stock)” an Energie hoher Ordnung “auf oder innerhalb des Erdballs” und (2) den “Zufluss (flow) von Sonnenenergie, dessen Intensität mit dem entropischen Abbau der Sonne langsam aber stetig schwindet”.

Industrielle Revolution

Doch mit der Industriellen Revolution haben wir entdeckt, wie wir den Vorrat an Sonnenenergie, der innerhalb der Erde verborgen war, plündern können. Wir waren nicht mehr an den gemächlichen Zufluss der Sonne gebunden, sondern konnten mithilfe einer Maschine, hunderte Millionen Jahre an geballter Sonnenenergie verbrauchen.

Der Metabolismus einer Maschine

Worüber die Menschen dabei hinwegblickten: Auch Maschinen haben einen Metabolismus. Wie ein Mensch muss auch eine Maschine zuerst mit Energie und Materie gefüttert werden, bevor sie ihre Metall-Ärmel hochkrempeln kann. Ohne Zufuhr von Kohle, Öl oder Strom und Baumwolle oder Eisenerz würde sie sich in ihrer Produktivität nicht von einem Stein unterscheiden. Genau wie ein biologischer Organismus steht also auch ein technischer Mechanismus im ständigen materiellen Austausch mit seiner Umwelt. Genau wie ein biologischer Organismus nimmt eine Maschine Energie und Materialien höherer Ordnung auf und scheidet Energie und Materie mit niedriger Ordnung wieder aus.

Wir können es als Fakt hinnehmen, erklärt Georgescu-Roegen, dass niedrige Entropie eine notwendige Eigenschaft einer Sache ist, um für uns nützlich zu sein. Zur Befeuerung ihrer mechanischen Arbeit verbraucht die Maschine im Produktionsprozess einen Teil der zugeführten Ordnung, die sie aus der Energie schöpft (Energie kann nicht verbraucht werden) und scheidet, was sie nicht verwerten konnte, als Abfallprodukt wieder aus. Das berühmteste Exkrement der Maschine ist heute wohl CO2 (1971 sah Georgescu-Roegen nur den entstehenden “Abfall” und die “Umweltverschmutzung”).

Wie allen Organismen muss einer Maschine deshalb mehr Ordnung zugeführt werden als sie abwirft. Sie erfordert einen asymmetrischen Fluss von Energie und Ressourcen in ihren Schlund. Das sagt uns das Gesetz der Entropie. Wir müssen also mehr Energie einwerfen als wir im Produktionsprozess freisetzen.

Man vs Machine

Eine Maschine kann viel mehr Energie verdauen als ein Mensch. Der Mensch ist darauf angelegt, die eintreffende Energie der Sonne zu nutzen. Eine Maschine wurde konzipiert, um die hochkonzentrierte Energie, die über Millionen von Jahren gesammelt wurde, zu nutzen — und die Thermodynamikgesetze wurden ursprünglich entwickelt, um diesen Verwertungsprozess möglichst effizient zu gestalten. Es sollte noch 100 Jahre dauern bis Georgescu-Roegen die Bedeutung dieser Gesetze für den Wirtschaftsprozess erkannte.

Je mehr Energie ihr zur Verfügung steht, desto mehr Ordnung verschlingt ihr Schlund — unwiederbringlich, wie Georgescu-Roegen betont.

Unwiederbringlich

Wäre die Ordnung wiederbringlich, so würden wir 2022 nicht in einer Gaskrise stecken. Wir könnten das vorhandene Gas in Deutschland einfach immer wieder verwenden, um unseren Gasdurst zu stillen.

Bei der Herstellung von Kupferplatten trennen “… wir lediglich die Kupfermoleküle von allen anderen ab, aber um dieses Ergebnis zu erreichen, haben wir unwiderruflich eine größere Menge an niedriger Entropie verbraucht als die Differenz zwischen der Entropie des fertigen Produkts und der des Kupfererzes. Die freie Energie, die bei der Produktion zur Ausübung mechanischer Arbeit – durch Menschen oder Maschinen – oder zur Erwärmung des Erzes verwendet wurde, ist unwiderruflich verloren.“

Nicholas Georgescu-Roegen

Wirtschaft ernährt die Maschine

Wie viel Ordnung unseren Maschinen als Nahrung zur Verfügung steht, organisiert der “wirtschaftliche Prozess”. Maschinen arbeiten nur, wenn die Wirtschaft ihnen einen asymmetrischen Zufluss an Energie und Materie bereitstellt. Der Anthropologe Professor Alf Hornborg hat deshalb den Stoffwechsel von Maschinen “soziometabolisch” getauft.

“…technologische als auch biologische Systeme sind ohne spezifische Strukturen des materiellen Austauschs mit ihrer Umwelt nicht realisierbar. Wir organisieren den materiellen Austausch für technologische Systeme mit Hilfe unserer Wirtschaft.”

Alf Hornborg

Was unterscheidet den natürlichen Prozess vom wirtschaftlichen Prozess? Beide erzeugen Entropie, sind also “entropisch”. Aber Wirtschaftsmodelle misrepräsentieren die Produktion als schöpferischen Prozess, erklärt Hornborg. Was wir herkömmlich als “Wertschöpfung” bezeichnen, zehrt in Wirklichkeit die Qualität unserer Mitgift unwiederbringlich auf. Die Idee vom (wirtschaftlichen) Wert ist eine kulturelle Idee. Denn bei der Produktion von Wert geht “die Kraft der Energie oder die Qualität der Materialien systematisch verloren”.

Doch seit den 1870er Jahren (der sogenannten marginal revolution) müssen sich neoklassische Ökonomen keine Gedanken mehr über die “materielle Substanz” des Welthandels machen. Zum Höhepunkt des britischen Imperialismus und während der Entdeckung der Thermodynamikgesetze, gingen sie dazu über nur noch menschliche Präferenzen, in Gleichgewichtspreisen ausgedrückt, zu betrachten und nicht mehr Arbeit, Land, Energie und andere Faktoren.

Wenn man nur auf das Geld schaut, sieht man, dass Geld in einem Kreislauf von Hand zu Hand wandert. Dies widerspricht der thermodynamischen Realität, die linear ist. Geld verschleiert die Realität, dass unser Wirtschaftsleben sich von niedriger Entropie ernährt.

Wenn die Wirtschaft so zerstörerisch ist, warum betreiben die Menschen sie dann? Die einfache Antwort ist, dass es den Menschen um das geht, was sie für wertvoll halten, und nicht um das, was Georgescu-Roegen „negative Entropie“ nannte. Die Menschen treiben diesen Prozess voran, um uns ein angenehmes Leben zu ermöglichen, welches er “Lebensgenuss” taufte.

Das “wahre” Produkt

Das “wahre Produkt” des Wirtschaftsprozesses ist kein materieller Fluss oder das, was am anderen Ende der Produktion herauskommt, sondern ein psychischer Fluss, unser “Lebensgenuss”. Lebensgenuss kann man nicht in einer Lagerhalle horten. Um uns zu jeden Zeitpunkt mit der richtigen Menge an Lebensgenuss zu versorgen, greifen wir auf das Instrument Geld zurück, erklärt Georgescu-Roegen.

Geld belohnt Entropie

Doch Geld belohnt gleichzeitig die Ressourcenverschwendung. “Je mehr Öl wir in diesem Jahr verbrannt haben,“ beobachtet Hornborg, „desto mehr Öl können wir uns nächstes Jahr leisten.“ Allein um die Instandhaltungskosten zu stemmen, muss eine Fabrik ihre Produkte teurer verkaufen, als sie die Rohstoffe einkauften — obwohl die Produktion die Gesamtordnung auf der Welt verringert oder, mit anderen Worten, die Abfallmenge erhöht. Wir betrachten Industrieprodukte als wertvoller. Dabei stellen die teureren Outputs mehr Verschwendung dar als die billigeren Inputs.

In der heutigen Logik unserer Wirtschaft wird also Ressourcenverschwendung mit Profit belohnt, der den Fabrikbesitzern wieder mehr mehr Ressourcen zum Verschwenden zur Verfügung stellt. Denn Geld ist nichts anderes als ein Anspruch auf die Ressourcen von anderen. Dadurch, dass die Outputs teurer sind als die Inputs, werden Unternehmen dafür belohnt, Ordnung zu verringern und Umweltverschmutzung zu erhöhen — indem sie Profit erhalten, mit dem sie noch mehr Ressourcen erwerben können, deren Ordnung sie wiederum zerstören können.

„Gemäß dem Zweiten Satz der Thermodynamik wissen wir, dass der Output eines jeden technischen Systems weniger verfügbare Energie oder produktives Potenzial darstellt als der für seine Herstellung erforderliche Input. Um lebensfähig zu sein, muss ein technisches System also durch ökologisch asymmetrische Ressourcenströme fortbestehen. Diese Abhängigkeit der Technik von ungleichem Austausch nicht zu sehen, ist das, was ich Maschinenfetischismus genannt habe.“

Alf Hornborg

Sind Geld und Technologie also lediglich soziale Arrangements, die einige Menschen dazu befähigen, mehr Energie zu verbrauchen als andere? Der Anthropologe Alf Hornborg ist davon überzeugt. “Technik ist ein Weg, sich Zeit und Raum von anderen Teilen des Weltsystems anzueignen“, erklärt er, geregelt durch unsere Marktpreise.

Erfahren Sie hier noch mehr zum Thema und lesen Sie das ganze Portrait über Professor Alf Hornborg.

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