Wer profitiert von Divestment?

Viele Investoren wollen ihre Anteile an fossilen Brennstoffunternehmen loswerden. Hierin sehen andere ihre Chance.

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patrick

In Divestment, dem Verkaufen von Unternehmensanteilen in der fossilen Brennstoffindustrie, sehen viele Investoren eine Möglichkeit, etwas für den Klimaschutz zu tun. Doch gleichzeitig steigen die Energiepreise: Ölunternehmen wie, BP (British Petroleum) haben sich erneut zu „Cash-Maschine(n)“ verwandelt. Was den einen an der Tankstelle ärgert, ist des anderen Glück. Steigende Energiepreise haben die Quartalsgewinne in neue Höhen getrieben, berichtet der Vorstandsvorsitzende von BP, Bernard Looney. Gleichzeitig fühlen sich fast 60 Prozent der institutionellen Investoren unter Druck, ihre Investitionen in fossile Brennstoffe abzuwerfen, fand das Center for Global Energy Impact der BCG (Boston Consulting Group). Nach Aufforderung durch die Aktivistengruppe DivestInvest, haben sich 1508 Institutionelle Investoren, die zusammen rund $40.43 Billionen verwalten, dazu verpflichtet (1) sich nicht an den 200 größten Öl-, Gas- und Kohleunternehmen zu beteiligen und (2) ihre Vermögenswerte in diesen Unternehmen bis spätestens 2027 zu verkaufen (eine Übersicht aller Organisationen finden Sie hier). 

Investitionen in Öl verlocken

Warum geht es fossilen Brennstoffunternehmen finanziell trotzdem weiterhin so gut? Ein anderer Trend verläuft spiegelbildlich zum Erfolg der Divestment-Kampagne: Einige Hedgefondsmanager nehmen die ausrangierten Öl- und Gasaktien den ethisch besorgten Investoren mit Freude ab. Denn die neuen Besitzer von Unternehmensanteilen in BP, Shell und Co. ernten aktuell saftige Gewinne. Nach vorsichtigen Schätzungen wird die Öl- und Gasindustrie in den USA allein im Jahr 2022 einen Gewinn von 37 bis 126 Milliarden Dollar erzielen. 

Die steigenden Energiepreise und das Ende der Pandemie machen das Investieren in fossile Brennstoffe für Hedgefondmanager also wieder attraktiv. Wie vereinbaren sie das mit ihrem Gewissen? Manche Hedgefundmanager argumentieren, dass der Öl- und Gassektor die Einnahmen (das Geld) liefert, das sie im Anschluss zur Finanzierung der Energiewende verwenden können. Ihrer Meinung nach sind Investitionen in fossile Energie nach wie vor „dringend erforderlich“. Schließlich würden die hohen Energiepreise auf eine hohe Nachfrage hindeuten.

Aber auch Kleinanleger könnten vom kleinen schwarzen Goldrausch profitieren. Merryn Somerset Webb von der Financial Times schlägt hierfür vor, einen „Rettungsfonds für fossile Brennstoffe“ zu gründen. Denn, “Klimakonferenz hin oder her”, wir werden fossile Brennstoffe noch viele Jahrzehnte nutzen. Ein solcher Fond würde die Aktien auf den öffentlichen Märkten halten und somit die Transparenz fördern. Ohne neue Bohrungen würden die Anlagen zwar schrumpfen, aber bis dahin würden der Fond den Anlegern noch eine gute Renditen ausschütten.

Ölbohrungen werden wieder attraktiv

Aber müssen sich Anleger und Investoren damit abfinden, dass keine neuen Bohrungen getätigt werden? Noch nicht. Fossile Brennstoffunternehmen sind immer noch auf der Suche nach neuen Quellen. Allerdings werden sie immer wählerischer, wo sie bohren, denn Unternehmen wie Shell spüren den Druck, damit aufzuhören. Heute bohren sie stillschweigend nach neuen Quellen, sodass nur Spezialisten wissen, wo sie es tun, berichtet die Energieberatungsfirma Wood Mackenzie. Weitere Exploration steht jedoch im Konflikt zu den Pariser Klimazielen und höhlt Klimaschutzmaßnahmen anderer aus: Laut einem 2016 Report von Oil Change International wird uns schon allein das Verbrennen der bereits erschlossenen Öl- und Gasquellen (auch ohne Kohle) über das Limit von 1.5 Grad katapultieren. Deshalb dürfe man auf keinen Fall neue Öl-, Gas- und Kohlevorkommen mehr erschließen.

Nach dem Einbruch des Ölpreises infolge von COVID-19 hatten die Unternehmen ihre Explorationsausgaben gekürzt. Bereits 2021 haben sie sich jedoch gut erholt und sind mit 798 „Explorations- und Beurteilungsbohrungen“ in der ganzen Welt wieder aktiv, beispielsweise vor der Küste Namibias und Kenias. Diese Explorationsbohrungen brauchen mindestens 6 Jahre bis zur Förderung, so dass Investoren ihr Geld erst Mitte der 2030er Jahre zurück erwarten. Dieses langfristige Vertrauen lässt darauf schließen, dass die großen Erdölgesellschaften mit einem Anstieg der Nachfrage bis weit in die Zukunft hinein rechnen. Die OPEC (Organisation der erdölexportierenden) Länder gehen beispielsweise davon aus, dass die Ölnachfrage erst nach 2040 wieder abnehmen wird.

Trotzdem sollten Öl- und Gasunternehmen bei neuen langfristigen Investitionen vorsichtig sein. Der “unabhängige Think Tank für Finanzfragen” Carbon Tracker warnt Öl- und Gasunternehmen davor, trotz der derzeit hohen Ölpreise Projekte mit hohen Kosten und langen Laufzeiten zu tätigen. Die Preise würden wieder sinken, und es sei wahrscheinlich, dass die Energiewende plötzlich fortfliegen und die Nachfrage lähmen wird. Ein kurzfristiges Wachsen der Nachfrage erfordere in der Zukunft noch größere Reduktionen, um die Ziele des Pariser Abkommens zu erreichen. Um die hohe Nachfrage zu befriedigen, sei es besser, sich auf schnellere Schieferölprojekte (Fracking) und die freien Kapazitäten in den OPEC-Ländern zu konzentrieren, so Carbon Tracker

Mehr Geld für Erneuerbare Energien, aber auch für Öl und Gas

Es fließt mehr Geld in erneuerbare Energien — aber auch in Öl und Gas. Der Geldhahn der fossilen Energieunternehmen sprudelt noch.  Um den steigenden Hunger nach Energie der Menschen zu decken, die aus dem Dornröschenschlaf nach der Pandemie wieder erwacht sind, werden mehr Bohrinseln gebaut, und die Produktion weiter hoch gefahren. Auch die Biden-Regierung pochte darauf, dass mehr Öl in den USA produziert wird, um die anschwellenden Spritpreise in Zaum zu halten. Bald wird die Produktion das Niveau vor der Pandemie erreichen — und danach übertreffen. Der Sektor blickt also noch in eine Zukunft voller Rosen, eröffnet Auden Martinsen der FT, Chef von Energy Service Research, wenn auch nicht ganz so rosig wie vor der Pandemie.

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