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COP26 – Erfolg für wen?

Es wurde viel geschimpft nach Ende der 26. Klimakonferenz (COP26) in Glasgow. In der Diskussion um die technischen Details wird dennoch oft übersehen, was die Ergebnisse für die Menschen bedeuten, die jetzt schon die Folgen des Klimawandels spüren.

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Was hat COP26 erreicht? Wie sind die Ergebnisse zu bewerten? Auf diese Frage wird man unterschiedliche Antworten finden, je nachdem wie man oder frau von Google und Facebook eingeordnet wird. Wie Sie die Klimakonferenz einschätzen, hängt vor allem von nicht-wissenschaftlichen Faktoren ab, also Ihren Werten, Überzeugungen, und Ihrem Vertrauen in Politiker, betont Phil Johnstone von der Universität Sussex. Grob kann man die Richtungen folgendermaßen kategorisieren:

Viele Aktivisten weinen innerlich. Sie sehen das Ergebnis als ungenügend an — sie sehen in COP26 die vertane letzte Chance das Lenkrad herum zu reißen, wie auch schon bei den vergangenen 25 “Conferences of the Parties” der UN Konvention über Klimawandel.

Viele Politiker (und nicht nur britische) sind hingegen stolz auf das Ergebnis. Der Präsident von COP26 und Politiker der englischen konservativen Partei, Alok Sharma MP, verkündete: „Wir können jetzt glaubhaft sagen, dass wir die 1,5 Grad am Leben erhalten haben.“ Die Konferenz hat nochmals die Räder geschmiert, ab jetzt könne es vorangehen im Klimaschutz. Sharma warnt aber auch: „Aber der Pulsschlag ist schwach, und er wird nur überleben, wenn wir unsere Versprechen einhalten und Zusagen in rasches Handeln umsetzen.“

Wissenschaftler sind ambivalent. Einerseits begrüßen sie ganz bestimmte und ganz konkrete Ergebnisse der Verhandlungen, die der Öffentlichkeit meist nichts sagen, andererseits fühlen sich viele resigniert, da sie insgeheim und gegen ihren Verstand doch einen Durchbruch erhofft hatten.

Klimapakt drückt Alarm aus

Der finale Text, der Klimapakt von Glasgow, „drückt Alarm und äußerste Besorgnis aus”, dass wir bereits eine globale Erwärmung von ca. 1,1 Grad Celsius erreicht haben, die durch „menschliche Aktivitäten“ verursacht wurde. 

Beginn des kritischen Jahrzehnts

Der Glasgow Klimapakt “erkennt an“, dass die Mitgliedstaaten, wenn sie das 1,5-Grad-Ziel erreichen wollen, die CO2-Emissionen bis 2030 um 45 % senken müssen (und bezeichnet daher die Jahre 2020-2030 als „kritisches Jahrzehnt“) und sie „um das Jahr“ 2050 auf „netto null“ bringen müssen. Doch es scheint, dass auch das erhöhte Tempo der Konferenz wohl kaum die vorausrennende Erwärmung bei 1.5 Grad wird einholen können. Die in Deutschland sitzende Organisation Climate Action Tracker rechnet unter den derzeitigen Gesetzen und nationalen Strategien mit einer Erwärmung auf 2,7°C am Ende des Jahrhunderts „Selbst mit allen neuen Zusagen von Glasgow für 2030 werden wir im Jahr 2030 etwa doppelt so viel emittieren wie für 1,5° erforderlich. Daher müssen alle Regierungen ihre Ziele neu überdenken.“

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Ergebnisse im Kontext betrachten 

Um der seit Mitte November erneut einsetzenden Depression etwas entgegenzusetzen, weisen einige Wissenschaftler daraufhin, dass es unentbehrlich ist, die Ergebnisse von COP26 nicht isoliert zu betrachten, sondern in den Kontext der letzen Jahre und des aktuellen Stands der internationalen Diplomatie zu setzen: So ist es beispielsweise ein großer Erfolg, dass Kohle überhaupt noch im Glasgower Klimapakt erwähnt wird, berichtet Lukas Hermwille. Denn Indien und andere Kohlestaaten hatten mit Wucht und Tricks versucht, genau dies zu verhindern, was der indische Klimaaktivist und Historiker Vijay Prashad am Rande der Klimakonferenz wiederum empört in einen längeren historischen Kontext zu setzen versuchte: “Ihr habt uns die Kohle während der Kolonialzeit aufgezwungen, ihr seid gekommen und habt uns kohleabhängig gemacht und und jetzt wagt ihr es, uns weiter von oben herab zu behandeln”. Es war das erste Mal, dass Kohle als Verursacher des Klimawandels konkret erwähnt wurde. Zwar stand im Endergebnis nur noch „phase down“ anstelle von „phase out”. Aber Hermwille sieht darin ein Zeichen dafür, dass die Aufruhr der letzten Jahre Spuren hinterlassen hat. 

Wie erfolgreich die COP26 war, hängt von der Umsetzung der neuen Verheißungen ab

Lokendra Karki von der Universität Sussex ist der Meinung, dass COP26 keine bahnbrechende Veranstaltung war, allerdings wurden neue Versprechungen gemacht (z.B. für die Wälder). Was diese COP gebracht hat, hängt nach ihrer Ansicht davon ab, wie die Versprechen und Zusagen jetzt in die Tat umgesetzt werden.

Kontrolle

Wer kontrolliert die Umsetzung der Versprechen? Alle zwei Jahre treffen sich die Länder in Gruppen und stehen Antwort über den Fortschritt zu ihren Zielen. Gruppendruck von ähnlichen Staaten soll dabei helfen, dass die Umsetzung auch funktioniert. Aber wenn eine Regierung nicht will, dann ist es vorstellbar, dass auch eine Anhörung ihrer Gruppe sie nicht überzeugt. 

Umsetzungslücke

Debra Roberts, Ko-Vorsitzende der IPCC Arbeitsgruppe II, sieht schon jetzt eine eklatante Umsetzungslücke. Diese Umsetzungslücke veranschaulicht der kurz vor Start erschienene Plan zur Umsetzung der Klimafinanzierung: Erreichen des Ziels von 100 Milliarden US-Dollar des kanadischen Umweltministers Jonathan Wilkinson und des deutschen Staatssekretärs im Bundesministerium für Umwelt Jochen Flasbarth

Realitätscheck für die $100 Milliarden Klimafinanzierung

Der Beschluss 2/CP.15 („Copenhagen Accord“) der Klimakonferenz in Kopenhagen aus 2009 sah vor, bis 2020 jährlich 100 Milliarden US-Dollar zu mobilisieren, um Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen in Entwicklungsländern zu unterstützen. Doch kurz vor dem Start der Klimakonferenz machte der Bericht von Wilkinson und Flasbarth Schlagzeilen, weil er belegte, dass die Industriestaaten ihre Klimafinanzierungszusage deutlich verpasst hatten. Wilkinson und Flasbarth waren jedoch optimistisch, dass die Industriestaaten das Ziel bis spätestens 2023 erreichen würden: “der Ausblick bis 2025 [zeigt] einen positiven Trend, wobei die Industrieländer erhebliche Fortschritte auf dem Weg zum 100-Milliarden-USD-Ziel im Jahr 2022 machen und damit die Zuversicht besteht, dass dieses Ziel im Jahr 2023 erreicht werden kann.”

Der ehemalige Außenminister von Barbados, Chris Sinckler, vertritt jedoch die Ansicht, dass die Industriestaaten lediglich die Ziele, die sie 2020 hätten erreichen sollen, auf 2023 verschoben und „mit größerem Engagement“ recycelt hätten, weil sie „jetzt verstehen, dass es dringender ist“. Er beteuert, man könne nicht das Haus von jemanden in Brand setzen und dann damit prahlen kann, die Feuerwehr zu rufen. Aber genau das hätten die Erklärungen zur Klimafinanzierung im Jahr 2021 getan.

Vielleicht braucht unser Klimafinanzierungsziel allgemein einen Realitätscheck, meint Sinckler. Das Klimafinanzierungsziel von $100 Milliarden pro Jahr wurde in den letzten Stunden der Klimakonferenz in Kopenhagen von Hillary Clinton auf den Verhandlungstisch gelegt, um das Abkommen vor dem Ertrinken zu retten. Das gelang auch. Aber $100 Milliarden können kein $100 Billionen Problem lösen, sagt Sinckler. 

Öl und Gas waren ausreichend repräsentiert

Natürlich sind die meisten Interessengruppen und NGOs, die mit 11,734 Vertretern bei der Klimakonferenz vertreten waren, enttäuscht vom Ergebnis. Jedem ist sein Interesse bei den Verhandlungen zu kurz gekommen. Beispielsweise lamentiert die Organisation FoodTank dass niemand auf der COP26 über Lebensmittelsysteme sprach.

Doch nicht alle Gruppen können über Missachtung ihrer Erkenntnisse klagen. Eine Analyse der namentlich genannten Teilnehmer fand, dass mindestens 503 Lobbyisten für die fossile Brennstoffindustrie an der COP26 teilnahmen (4,3% aller Teilnehmer). Diese Zahl ist größer als die der größten Länderdelegation (Brasilien mit 479 Delegierten) und doppelt so groß wie die der Delegation indigener Gemeinschaften und war ein Schock für viele Delegierte aus kleineren Entwicklungsländern, die Schwierigkeiten hatten, überhaupt an der COP teilzunehmen. Diese Personen vertreten über 100 Unternehmen und 30 Handels- und Mitgliedsorganisationen in Öl, Gas und Kohle und sind entweder „direkt mit [fossilen Brennstoff] Unternehmen verbunden“ oder nehmen als „Mitglieder von Delegationen teil, die im Namen der fossilen Brennstoffindustrie handeln“. 27 Länder, wie Kanada, Brasilien und Russland, hatten Lobbyisten als Delegierte registriert. Diese hohe Zahl an Lobbyisten für die Öl-und Gasindustrie betrachteten viele Aktivisten als Bestätigung, dass die COP nur ein Greenwashing-Treffen ist, das dazu dient, schädliche Lösungen durchzusetzen. Aber neben der weichen Hand gegenüber der fossilen Brennstoffindustrie demonstrierten die Veranstalter an anderer Stelle  auch Kraft und Strenge. So schlossen sie Indigene Gemeinschaften von den Verhandlungen weitgehend aus, obwohl Indigene es vorbildlich geschafft haben, auf den verbleibenden Inseln indigener Landflächen ca. 80% der weltweiten Biodiversität zu behüten.

Auch einige Wissenschaftler, wie der Klimawissenschaftler Prof. Dominic Kniveton, stehen dem COP-Prozess deshalb kritisch gegenüber. Es waren viel zu viele Leute aus der fossilen Brennstoffindustrie anwesend, bemängelt er. Außerdem konzentriere sich die Konferenz weitgehend darauf, die Gefahr zu stoppen, und interessiere sich nicht für die Bedrohung der Menschen in den Entwicklungsländern. Die Armen seien die ersten, die vom Klimawandel betroffen sein werden. 

Klimagerechtigkeit ist für “einige” von Bedeutung

Als die Klimakonferenzen vor über einem Vierteljahrhundert begannen, dachten die Verhandlungspartner noch, dass sie eine Eindämmung des Klimawandels bewirken könnten (mitigation). Doch nichts ist passiert. Also begannen sie Anfang der 2000er auch darüber zu reden, wie sich Länder auf die Auswirkungen des Klimawandels vorbereiten können (adaptation) und vor allem wie die am wenigsten entwickelten Staaten befähigt werden können, mit den Folgen des Klimawandels umzugehen. Aber keine Hilfe kam. Die Forderungen nach einem Umgang mit Verlusten und Schäden (loss and damage oder L&D) durch den Klimawandel, die immer schriller werden, sind ein Resultat dieses Nicht-Handelns der letzten 30 Jahre, erklärt Harjeet Singh vom Climate Action Network International.

Professor Michael Collyer sagt, dass „Verluste und Schäden“ der Bereich ist, in dem die Klimakonvention UNFCCC versucht, einige dieser Forderungen nach Klimagerechtigkeit anzugehen. Die Präambel des Klimapakts “weist darauf hin, dass das Konzept der ‘Klimagerechtigkeit’ für einige von ihnen von Bedeutung sei, wenn sie Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels ergreifen”. Diese Worte sind aufschlussreich: Bedeuten sie, dass „einige“ andere Verhandlungsführer das Konzept der Klimagerechtigkeit nicht für relevant halten, wenn es um Klimaschutzmaßnahmen geht? Eine Studie stellt fest: “Die Entwicklungsländer haben eine Aufstockung der Finanzmittel für die Anpassung an den Klimawandel durchgesetzt, aber ihre Forderung, dass die Industrieländer ‚Klimagerechtigkeit‘ einräumen und sie für die Verluste und Schäden, die der Klimawandel verursacht, entschädigen, wurde zurückgewiesen.“

Wer wird entschädigen? 

Verluste und Schäden (L&D) waren ein zentraler Pfeiler der Verhandlungen – und musste sich trotzdem den Tag mit dem Thema Anpassung (adaptation) teilen, beobachtet Prof. Collyer. Schon das Pariser Abkommen enthält eine Klausel zu L&D in Artikel 8. Aber seither gab es keine Einigung darüber, wer für L&D zahlen soll, sagt Dr. Katherine Owens.  Der Glasgow Klimapakt erkennt an, dass der Klimawandel “Loss and Damage” (L&D) verursacht und „bekräftigt“, dass wir die Maßnahmen zur „Abwendung, Minimierung und Bewältigung“ von L&D verstärken müssen. Jedoch einigten sich die Länder lediglich darauf, dass sie weiter darüber sprechen würden, dokumentiert Debra Roberts. Roberts erklärt, dass eine große Angst mit L&D verbunden ist. Die Frage in Bezug auf L&D ist, wer diese Verluste und Schäden verursacht hat. Die natürliche Folge der Diskussion über die Verursacher sind Gespräche über Entschädigungen. Wer ist für die Finanzierung von Entschädigungen bei Verlusten und Schäden verantwortlich, die über lange Zeiträume hinweg notwendig sein können? 

Der Grund für den Leerlauf mit L&D ist darin begründet, dass es in Wirklichkeit um Entschädigung geht — Entschädigung für den Verlust des BIP, der in den afrikanischen Ländern bereits eingetreten ist, erklärt Professor Tim Stephens von der Sydney Universität Law School.  

Wer zahlt den Wiederaufbau?

Im Moment sind am wenigsten entwickelte Länder (LDCs) selber für die Finanzierung des Wiederaufbaus und ihrer Verluste verantwortlich. Beispielsweise wurde Mosambik 2019 vom Zyklon Idai erschüttert. Man bezifferte die Schäden auf die Hälfte des Staatshaushalts des Landes. Weil die Vereinten Nationen bis jetzt nur rund die Hälfte des $620 Millionen schweren humanitären Appells finanzieren konnten, musste sich Mosambik an den Internationalen Währungsfond (IWF) wenden und ein Darlehen in Höhe von $118 Millionen aufnehmen. Mosambik musste mit dem Wiederaufbau beginnen und konnte nicht warten. Doch dies erhöht den Schuldenberg dieser Länder weiter. Dr. Faiza Shaheen von der New York University in den USA hat berechnet, dass rund 53 % der UN-Mitgliedstaaten Gefahr laufen, ihre öffentlichen Ausgaben zu kürzen, da sie ihre Schulden nicht länger schultern können. Viele Länder geben bereits mehr für die Rückzahlung von Schulden aus als für die Gesundheitsversorgung. Etliche Länder mussten Kredite aufnehmen, um Impfstoffe zu bezahlen.

Wer beziffert die Schäden?

Neben der gerechten Verteilung der Kosten des Klimawandels, wird eine zweite Frage immer unvermeidlicher: Was sind die Kosten? Wie beziffert man die Verluste und Schäden? Dr. Sonja Ayeb-Karlsson hat mit der Regierung in Vietnam zusammengearbeitet, die ein System zur Messung von L&D entwickelt hat. Ein Problem, das sie dabei hatten, waren die nicht-ökonomischen Verluste und Schäden. Es ist leicht, den Verlust einer Kuh oder eines Hauses zu berechnen. Schwieriger ist es, Dinge zu messen, die nicht wirklich in Geld gemessen oder bewertet werden können. Sie unterteilen diese Verluste in Leben (Wohlbefinden, Mobilität usw.), Gesellschaft (Kultur, traditionelles Wissen usw.) und Umwelt (Ökosystemleistungen usw.). Ein Mann in Bangladesch teilte Dr. Ayeb-Karlsson immer wieder mit, dass er alles Geld der Welt bekommen könnte, aber das würde nicht ausreichen, um ihn für den Verlust seiner Heimat zu entschädigen. 

Für wen hat die COP26 etwas erreicht?

Für wen hat also die Klimakonferenz etwas erreicht? Nicht für die Menschen, die jetzt schon mit den Folgen des Klimawandels zu kämpfen haben, wie der unbekannte Mann aus Bangladesch. Das versuchte auch Prashad bei einer  Klimagerechtigkeits-veranstaltung der Organisation COP26 Coalition zu unterstreichen. “Die Bewegung für Klimagerechtigkeit ist eine Bewegung, die sagt, dass sie sich Sorgen um ihre Zukunft macht. Welche Zukunft? Die Kinder in Afrika, Asien und Lateinamerika — sie haben keine Zukunft, sie haben keine Gegenwart. Sie machen sich keine Sorgen um ihre Zukunft. Sie machen sich Sorgen um ihre Gegenwart!”

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